Kompetenzbilanz-Verfahren

Talentkompass NRW

Der Talentkompass NRW ist ein knapp 100-seitiges PDF-Dokument, das Nutzer anleitet, über ihre Berufs- und Lebenserfahrungen nachzudenken und sie zu dokumentieren. Auch Werte, Interessen und Eigenschaftenlassen sich damit erfassen. Der Talentkompass NRW lässt sich selbstständig oder mit professioneller Unterstützung bearbeiten. Begleitend sind Seminare und Beratungen buchbar. Die Kosten dafür variieren je nach Anbieter. Glück hat, wer in Nordrhein-Westfalen lebt oder arbeitet. Dort gibt es viele kostenlose Beratungsangebote, die den Talentkompass NRW einbinden. Das Verfahren ist gut geeignet für Personen, die sich beruflich verändern wollen und dafür konkrete Ideen samt Maßnahmen zur Umsetzung entwickeln möchten. Konzeptionell hat das Verfahren ein paar Schwächen, in der Praxis gefiel es unseren Testpersonen gut.

Wie ist der Zugang zum Talentkompass NRW?

Das Ministerium für Arbeit, Integration und Sozialesin Nordrhein-Westfalen stellt eine kostenlose Version zum Herunterladen bereit. Wer den Talentkompass NRW mit begleitender Beratung bearbeiten möchte, findet über das bundesweite BeraternetzwerkAnsprechpartner in seiner Region. Für Interessierte aus Nordrhein-Westfalen existiert ein zusätzliches Beratungsangebot: Dort geben rund 145 Beratungsstellenkostenlosen Rat zur beruflichen Entwicklung und binden dabei zum Teil den Talentkompass NRW ein. Das Verfahren lässt sich aber auch im Seminar bearbeiten. Für die Recherche empfehlen sich Suchmaschinen wie Google oder Weiterbildungsdatenbanken mit entsprechenden Schlagworten, zum Beispiel „Seminar, Talentkompass NRW, Berlin“.

Was kostet das Verfahren?

Der Download des PDF-Dokuments kostet nichts. Die Kosten für Beratung oder Seminar variieren je nach Anbieter. Beratungsangebote von kommunalen Bildungsberatungsstellen sind oft kostenfrei (siehe auch Beratung nutzen). Die drei Testpersonen, die in unserem Auftrag ein Seminar besuchten, zahlten 438 Euro und 290 Euro. In einem Fall fielen keine Kosten an.

Wie ist der Talentkompass NRW aufgebaut? Wie ist er zu bearbeiten?

Das PDF-Dokument umfasst fünf Schritte, die der Nutzer nacheinander bearbeitet. Kurze Beschreibungen leiten ihn dabei an. Unterbrechungen sind jederzeit möglich.

  • Schritt 1 ("Kraftfelder"): Der Nutzer reflektiert seine Eigenschaften und Erfahrungen, sein Wissen und sein tägliches Tun. Damit erfasst er seine Kompetenzen.
  • Schritt 2 ("Magnetfelder"):  Der Nutzer macht sich Gedanken über seine Werte und Interessen und formuliert Wünsche an sein berufliches Umfeld.
  • Schritt 3 ("Kompass"): Hier sind die bisherigen Ergebnisse zusammenzufassen.
  • Schritt 4 ("Erkunden"): Der Nutzer generiert Ideen für seine berufliche Entwicklung und überprüft, ob diese realistisch sind, zum Beispiel durch Gespräche mit Menschen, die bereits in diesem Bereich arbeiten oder durch den Besuch von Fachveranstaltungen.
  • Schritt 5 ("Losgehen"): Der Nutzer formuliert sein berufliches Ziel, benennt mögliche Hürden und entwickelt einen Plan zur Umsetzung.

Wie sieht das Ergebnis aus?

Am Ende ist das 100-seitige PDF-Dokument ausgefüllt.

Wie lange dauert die Bearbeitung?

Laut Anbieter sind zwischen sechs und zehn Stunden einzukalkulieren, um den Talentkompass NRW zu bearbeiten. Wer ergänzend eine Beratung oder ein Seminar gebucht hat, muss zusätzlich je nach Anbieter mehrere Termine einplanen, meist über zwei bis vier Wochen verteilt. Unsere Testpersonen benötigten für die Bearbeitung des PDFs zwischen knapp fünf und neuneinhalb Stunden. Die Beratungen dauerten insgesamt zwischen vier und knapp acht Stunden, die Seminare zwischen siebzehn und knapp zwanzig Stunden.

Was können Nutzer über sich herausfinden? Welche Kompetenzen werden erfasst?

Das Verfahren setzt an der Biografie des Nutzers an. Von daher hängt es von seinen Erfahrungen, Qualifikationen und beruflichen wie außerberuflichen Tätigkeiten ab, welche Kompetenzen erfasst werden. Damit ist das Verfahren offen für alle Arten von Kompetenzen, also fachlichewie überfachliche. Darüber hinaus lassen sich auch Eigenschaften, Interessen und Werte ermitteln.

Wer ermittelt die Kompetenzen? Und wer schätzt deren Ausprägung ein?

Mithilfe des PDF-Dokuments identifiziert der Nutzer seine Kompetenzen und schätzt deren Ausprägung selbst ein, gegebenenfalls unterstützt durch seinen Berater oder Dozenten. Eine Fremdeinschätzung durch andere sehen die schriftlichen Unterlagen nicht vor. Lediglich in Schritt 4 wird der Nutzer aufgefordert, seine Ideen für die Zukunft mit anderen zu besprechen. Unser Test zeigte aber, dass unsere Testpersonen sowohl in Beratungen als auch in Seminaren dazu angeregt wurden, sich von Freunden, Familienmitgliedern oder Kollegen einschätzen zu lassen.

Was ergab der Test?

Unsere Gutachter attestierten dem Verfahren eine mittlere Qualität. Zunächst das Positive: Das Verfahren ist klar strukturiert und systematisch aufgebaut. Der Talentkompass NRW setzt an der Biografie des Nutzers an und bezieht Tätigkeiten und Wissen aus vielen Lebensbereichen ein (Ausbildung, Beruf, Haushalt, Familie etc.). Die schriftlichen Materialien helfen gut dabei, über das eigene Tun nachzudenken und die jeweils eingesetzten Kompetenzen abzuleiten. Darüber hinaus werden auch Werte, Interessen und Eigenschaften erfasst. Auch gut: Beratung oder Seminar sind optional möglich. Wünschenswert wäre, dass sie verpflichtend sind. Schade, dass das Verfahren keine Fremdeinschätzung vorsieht. Immerhin regten die Dozenten und Berater aber an, eine Einschätzung von anderen einzuholen, zeigte unser Test. Weiteres Manko aus Sicht unserer Gutachter: Der Begriff "Kompetenz" ist nach den uns zur Verfügung gestellten Unterlagen nicht hinreichend definiert. Doch auch wenn damit eine wichtige Grundlage fehlt, kann der Talentkompass NRW in Phasen einer beruflichen Umorientierung helfen. Das zeigte auch der Praxistest.

Unseren Testpersonen gefiel das Verfahren gut. Sie nahmen insgesamt drei Beratungen und zwei Seminare in Anspruch, da während des Prüfzeitraums nur zwei Seminare recherchiert werden konnten. Die Tester waren positiv von den Übungen und Aufgaben überrascht und staunten mitunter, zu welchen Ergebnissen der Talentkompass NRW sie führte  – von der Steigerung des Selbstbewusstseins bis zur Planung erster Schritte für die Selbstständigkeit. Auch den Austausch mit den Beratern und Dozenten empfanden die Tester überwiegend als fruchtbar. Besonders gut: In allen Fällen haben die Tester eine berufliche Perspektive entwickelt und meist auch erste Schritte zur Umsetzung.

Stand: Prüfzeitraum Dezember 2015 bis Mai 2016. Online-Veröffentlichung: Februar 2017.