Kompetenzbilanz-Verfahren

Kompetenzenbilanz. Ein Verfahren zur kompetenzorientierten Laufbahnberatung

Kern der Kompetenzenbilanz ist ein längeres Coaching. Dieses besteht meist aus vier Terminen und wird nicht nur als Einzel-, sondern auch als Gruppencoaching angeboten. Der Nutzer erhält eine Arbeitsmappe mit Aufgaben, die während des Coachings und zwischen den Terminen zu bearbeiten sind. In der Anlage ist das Verfahren sehr überzeugend - bei unseren Gutachtern schnitt es mit am besten ab. Allerdings zeigte sich in der Praxis, dass die Coaches das Verfahren mit unseren Testpersonen nicht immer so durchführten wie vom Entwickler vorgesehen.

Wie ist der Zugang zum Verfahren?

Interessierte wählen über die Webseite des Anbieterseinen Coach aus, mit dem sie die Kompetenzenbilanz durchlaufen möchten.

Was kostet das Verfahren?

Laut Anbieter müssen Privatkunden mit Kosten von 600 bis 800 Euro rechnen. Unsere drei Testpersonen zahlten 420, 600 und 833 Euro.

Wie ist das Verfahren aufgebaut? Wie ist es zu bearbeiten?

Zum Start findet ein Auftaktgespräch mit dem ausgewählten Coach statt, in dem der Nutzer eine Arbeitsmappe von PerformPartner, dem Entwickler des Verfahrens, erhalten sollte. In der Folge finden meist drei weitere Coaching-Gespräche statt, die laut Anbieter idealerweise in einem wöchentlichen Rhythmus stattfinden sollten. Zwischen den Terminen muss der Nutzer in Eigenarbeit Aufgaben aus der Arbeitsmappe bearbeiten.

  • Im ersten Gespräch sollten das Anliegen des Teilnehmers, der Ablauf des Verfahrens und der Zeitaufwand im Vordergrund stehen.
  • Im zweiten Gespräch sollten die Biografie des Teilnehmers sowie wichtige Lernerfahrungen und Entscheidungssituationen Thema sein. Außerdem erarbeiten Coach und Teilnehmer, welche Tätigkeiten der Nutzer an bestimmten beruflichen und privaten Stationen ausgeführt hat und über welche Fertigkeiten er verfügt.
  • Im dritten Gespräch wird die Tätigkeiten-Fertigkeiten-Analyse abgeschlossen. Auf dieser Basis werden die vorhandenen Kompetenzen ermittelt.
  • Im vierten Gespräch werden auf Grundlage der bisher erarbeiteten Materialen nächste Schritte erarbeitet und in einem Aktionsplan festgehalten.

Wie sieht das Ergebnis aus?

Am Ende sind die Frage- und Aufgabenbögen ausgefüllt. Laut Anbieter können Nutzer ein „Zertifikat“ erhalten. Von unseren drei Testpersonen bekam eine ein Zertifikat, das ihre individuellen Kompetenzen kurz zusammenfasste.

Wie lange dauert die Bearbeitung?

Laut Anbieter sind für vier Coaching-Sitzungen rund sieben Stunden einzuplanen. Zusätzlich sollten Nutzer rund sieben Stunden für die Aufgaben in der Arbeitsmappe einkalkulieren. Unsere Testpersonen hatten drei bis sechs Coaching-Sitzungen, die insgesamt zwischen sechs und siebeneinhalb Stunden dauerten. Für die Bearbeitung des Verfahrens benötigten sie zwischen sieben und gut fünfzehn Stunden.

Was können Nutzer über sich herausfinden? Welche Kompetenzen werden erfasst?

Das Verfahren setzt an der Biografie des Nutzers an. Von daher hängt es von seinen Erfahrungen, Qualifikationen und beruflichen wie außerberuflichen Tätigkeiten ab, welche Kompentenzen erfasst werden. Damit ist das Verfahren offen für alle Arten von Kompetenzen, also fachlichewie überfachliche Kompetenzen.

Wer ermittelt die Kompetenzen? Und wer schätzt ein, wie ausgeprägt sie sind?

Unterstützt durch den Coach identifiziert der Nutzer seine Kompetenzen und schätzt selbst ein, wie stark ausgeprägt diese sind. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine Fremdeinschätzung einzuholen, zum Beispiel von Kollegen oder Freunden. Dafür sieht die Arbeitsmappe zwei Fragebögen vor.

Was ergab der Test?

Bei unseren Gutachtern schnitt die Kompetenzenbilanz neben der Kombi-Laufbahnberatung am besten von allen 11 getesteten Verfahren ab, auch wenn aus wissenschaftlicher Sicht die Begriffe "Kompetenz" und "Lernen" in den uns zur Verfügung gestellten Unterlagen unpräzise und widersprüchlich definiert sind. Positiv: Das Verfahren ist klar strukturiert und bindet die Nutzer aktiv dabei ein, ihre Kompetenzen zu erkunden und zu gestalten. Aus Sicht der Gutachter können die schriftlichen Materialien Nutzer gut bei der Selbstreflexion und der Erarbeitung von beruflichen Zukunftsperspektiven unterstützen. Gut außerdem: Die Begleitung durch Berater und Coaches ist verpflichtend. Das Verfahren sieht eine Fremdeinschätzung vor.

Im Praxistest mit Testpersonen zeigten sich allerdings einige kleinere Schwachstellen: Die Coaches, mit denen unsere drei Testpersonen das Verfahren durchliefen, nutzten nicht alle Möglichkeiten, die das Verfahren theoretisch bietet. So versäumten sie zum Teil, die Testpersonen dazu aufzufordern, eine Fremdeinschätzung einzuholen und Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. Zudem setzte keiner der Coaches das von den Gutachtern gelobte schriftliche Material von PerformPartner ein. Stattdessen kamen nur wenige ähnliche Arbeitsmaterialien zum Einsatz. Das führte dazu, dass unsere Tester den Nutzen des Verfahrens sehr unterschiedlich einschätzten. In einem Punkt waren sich aber alle einig: Die obligatorische Begleitung durch die Coaches war für sie hilfreich.

Stand: Prüfzeitraum Dezember 2015 bis Mai 2016. Online-Veröffentlichung: Februar 2017.